{"id":11696,"date":"2022-03-10T14:19:22","date_gmt":"2022-03-10T13:19:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ch-open.ch\/?p=11696"},"modified":"2022-05-18T11:22:57","modified_gmt":"2022-05-18T09:22:57","slug":"chancen-und-herausforderungen-der-digitalisierung-im-bildungsbereich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ch-open.ch\/fr\/chancen-und-herausforderungen-der-digitalisierung-im-bildungsbereich\/","title":{"rendered":"Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung im Bildungsbereich"},"content":{"rendered":"\n
F\u00fcr den Bildungsbereich sind drei unterschiedliche Aspekte der Digitalisierung relevant: Digitale Werkzeuge als Lehr- und Lernmittel, Digitalisierung als Fachgebiet sowie die gesellschaftliche Rolle der Schulen.<\/strong><\/p>\n Von Matthias St\u00fcrmer<\/strong><\/em><\/p>\n Bericht im\u00a0PDF<\/a> lesen.<\/p>\n \u00a0<\/p>\n Schon vor der Corona-Pandemie pr\u00e4gte die digitale Transformation unsere Gesellschaft. Nun verst\u00e4rkten Lockdowns und andere Massnahmen diesen Trend noch durch Fernunterricht, Homeoffice und Onlineshopping. Das Ergebnis zeigt sich unter anderem am massiv gestiegenen B\u00f6rsenwert der grossen Technologiefirmen Apple, Microsoft, Google, Amazon und Facebook, die in diesen zwei Jahren ihre Marktkapitalisierung nahezu verdoppeln konnten. Im Januar 2020 hatten diese f\u00fcnf Big-Tech-Firmen noch einen Marktwert von 5200 Milliarden US-Dollars, jetzt Anfang 2022 sind es bereits rund 8800 Milliarden, Ende 2021 waren es zeitweise gar \u00fcber 9500 Milliarden.<\/p>\n \u00a0<\/p>\n Object \u2013 Digitalisierung als Fachgebiet<\/strong> \u00a0<\/p>\n Subject \u2013 Gesellschaftliche Rolle der Schulen<\/strong>
<\/a>Der Artikel basiert auf dem Referat von Matthias St\u00fcrmer am 13. November 2021 am nationalen VPOD-Bildungsforum. <\/em><\/p>\n
Was heisst das nun konkret f\u00fcr den Bildungsbereich? Klar ist, dass die Digitalisierung eine f\u00fcr die Schulen revolution\u00e4re Entwicklung darstellt, die viele der bisher bekannten und erprobten Lehr- und Lernformen disruptiv in Frage stellt. Gerade in Zeiten der digitalen Transformation ist es jedoch n\u00fctzlich, die unterschiedlichen Entwicklungen differenziert zu betrachten, um ihre Auswirkungen zu verstehen und um zu entscheiden, in welche Richtung es in den jeweiligen Gebieten gehen soll. Deshalb ist es sinnvoll, die verschiedenartigen Ver\u00e4nderungen zu entflechten, um so eine klarere Sicht auf die positiven und negativen Seiten des technologischen Wandels zu erhalten.<\/p>\n
Inspiriert von der Digitalstrategie der Universit\u00e4t Genf<\/a> l\u00e4sst sich die digitale Transformation in drei Wirkungsfelder unterscheiden: als Werkzeug (Tool), als Fachgebiet (Object) und als eine Herausforderung f\u00fcr die Gesellschaft (Subject). \u00dcbersetzt auf den Schulbereich betrifft das \u00abWerkzeug\u00bb die schulinterne Informatikinfrastruktur inklusive virtuelle Lernumgebungen und didaktische Ans\u00e4tze, das \u00abFachgebiet\u00bb stellt das inhaltliche Verst\u00e4ndnis der Technologien und ihrer Auswirkungen dar und die \u00abHerausforderungen f\u00fcr die Gesellschaft\u00bb zeigen sich in der Schl\u00fcsselrolle der Schulen in der Digitalisierung. Tool \u2013 Digitalisierung als Werkzeug Betrachten wir zun\u00e4chst die Digitalisierung als Werkzeug, also als Hilfsmittel f\u00fcr den Schulunterricht. Dieser Aspekt umfasst sowohl die eingesetzte Hardware als auch die zahlreichen Software-Tools und deren Anwendungsm\u00f6glichkeiten. Bereits bei diesen vermeintlich noch relativ \u00fcberblickbaren Fragestellungen zeigen sich grosse Unterschiede im heutigen Schulalltag. Einblick in aktuelle Hardwarebeschaffungen gew\u00e4hrt beispielsweise IntelliProcure<\/a>, ein Informationsportal \u00fcber die \u00f6ffentliche Beschaffung in der Schweiz, das seine Daten aus der Beschaffungsplattform simap.ch bezieht. Mit einer einfachen Abfrage<\/a> ist ersichtlich, dass Schweizer Schulen aktuell v\u00f6llig unkoordiniert f\u00fcr Zigmillionen Franken unterschiedlichste Hardwareausstattungen einkaufen: W\u00e4hrend die einen Bildungseinrichtungen ganz auf Laptops und Desktop-Computer setzen, beschaffen andere Schulen bewusst Tablets wie beispielsweise iPads. Weitere Schulen wenden beispielsweise Lernsticks<\/a> an, bei dem alle einen USB-Stick mit Linux und Bildungsanwendungen erhalten und so auf schuleigenen Computern arbeiten k\u00f6nnen. Es scheint sich somit kein klarer Trend bez\u00fcglich der Endger\u00e4teausstattung an den Schulen gebildet zu haben. Leider bietet diesbez\u00fcglich auch niemand unabh\u00e4ngige Untersuchungen an, von Empfehlungen ganz zu schweigen. Selbst Educa, die von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und dem Staatssekretariat f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanzierte \u00abFachagentur f\u00fcr den digitalen Bildungsraum\u00bb, \u00e4ussert sich nicht zu der Frage der Hardwarewahl.<\/p>\n
Nicht minder vielseitig sind die unterschiedlichen Softwareprogramme, die im Schulunterricht angewendet werden. ELearning ist ja eigentlich kein neues Thema, aber das Ausmass der Angebote hat in den letzten Jahren nochmals massiv zugenommen. So hat sich in den letzten Jahren unter dem Begriff \u00abEducational Technology\u00bb<\/a>, \u00abEduTech\u00bb oder \u00abEdTech\u00bb eine aufstrebende Branche von informatiknahen Startups gebildet, die innovative Digitalanwendungen im Bildungsbereich anbieten. Ob und wie weit dabei neben all der Technik auch p\u00e4dagogische Erkenntnisse und Konzepte einfliessen, ist umstritten und wird wohl nicht zu Unrecht von vielen Lehrpersonen kritisiert. Nebst allen fragw\u00fcrdigen Auswirkungen zeigt die Vielfalt der Anwendungen, dass Digitalisierung ein grosses, kreatives Potenzial beinhaltet. Beispielsweise schaffen neuste Entwicklungen in der k\u00fcnstlichen Intelligenz (KI) neue M\u00f6glichkeiten der individuellen Lernbegleitung (Lernbots, virtuelle Coaches), was gerade f\u00fcr schw\u00e4chere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eine grosse Hilfe sein und so die Chancengleichheit f\u00f6rdern kann.<\/p>\n
Neben all den positiven Seiten zeigt sich auch hier wiederum die Marktmacht der amerikanischen Technologiefirmen. Microsoft und Google sind sehr pr\u00e4sent im Bildungssektor, da sie geschickt versuchen, die jungen Menschen schon fr\u00fch an deren Produkte und Marken zu gew\u00f6hnen. So bieten die Informatikkonzerne den Schulen und Lehrpersonen bequeme und g\u00fcnstige M\u00f6glichkeiten, ihre Daten auf die jeweiligen Plattformen abzulegen und die entsprechenden Anwendungen zu verwenden. Durch den Lock-in-Effekt dieser Tools entsteht eine stetig wachsende Herstellerabh\u00e4ngigkeit, welche die Plattformwahl bis in die politischen Gremien beeinflusst.<\/p>\n
Alternativen zu finden ist schwierig, da Bekanntheit, Benutzerfreundlichkeit, Performance und Preise der grossen Anbieter fast unschlagbar sind. Versuche, aus dem Mainstream auszubrechen, sind (zumindest medial) bisher gescheitert, wie das Beispiel Base4kids 2 der Stadtberner Schulen zeigte. Anstrengungen werden dennoch unternommen, beispielsweise durch den Open-Source-F\u00f6rderverein CH Open, der 2019 den Open-Education-Server<\/a> lanciert hat. Die auf Nextcloud und LibreOffice\/Collabora Online basierende Plattform soll Lehrpersonen einen einfachen Einstieg in die Nutzung von Open-Source-L\u00f6sungen erm\u00f6glichen. Mit rund 300 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern sowie rund 100 Lehrpersonen verwenden die Schulen in Saanen als erste Bildungseinrichtung diesen Open-Source-basierten Server fl\u00e4chendeckend. Auch wenn der Onlineservice grunds\u00e4tzlich zuverl\u00e4ssig funktioniert, braucht es f\u00fcr den l\u00e4ngerfristigen Betrieb und f\u00fcr die Weiterentwicklung eine gr\u00f6ssere Investition von rund 400’000 Franken, wie eine Studie der Universit\u00e4t Bern<\/a> im Auftrag der Mercator-Stiftung k\u00fcrzlich aufzeigte.<\/p>\n
Der Perspektivenwechsel von der Digitalisierung als Werkzeug zum Aspekt des Fachgebiets ist fliessend, was sich am Beispiel der viel diskutierten \u00abDigital Skills\u00bb zeigt. Diese F\u00e4higkeiten werden einerseits ben\u00f6tigt, um die oben beschriebenen Werkzeuge bedienen zu k\u00f6nnen. Andererseits umfassen diese Kompetenzen auch Fachwissen rund um die Informatik und Digitalisierung.
So wird im Modul \u00abMedien und Informatik \u00bb des Lehrplans 21 explizit verlangt, dass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler selbst\u00e4ndig Programme anwenden und auch selbst solche entwickeln k\u00f6nnen. Das ist sehr erfreulich, werden doch die Programmierkenntnisse so als F\u00e4higkeiten erkannt, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis und die Mitgestaltung der digitalen Welt<\/a> entscheidend sind. Auch aus wirtschaftlicher Sicht ergibt dies Sinn, denn Programmierskills sind aktuell und in Zukunft sehr gefragt und sichern deshalb auch die langfristige Arbeitsmarktf\u00e4higkeit der Jungen. So werden heute in fast jedem Beruf und Studium \u00abDigital Skills\u00bb ben\u00f6tigt \u2013 sei es um die dauernd neuen Programme gezielt und effizient anzuwenden, um Daten zu verarbeiten und zu verstehen oder um wiederkehrende Abl\u00e4ufe rasch mit einem Computerprogramm zu automatisieren.<\/p>\n
Neben Vermittlung der technischen F\u00e4higkeiten sollten die Schulen auch die Auswirkungen der Digitalisierung thematisieren. Neben den viel diskutierten Chancen und Risiken von Social Media sollten auch die \u00f6kologischen und sozialen Aspekte der Informatiknutzung<\/a> behandelt werden, denn die Digitalisierung hat bekanntermassen sowohl positive wie auch negative Konsequenzen auf die Nachhaltigkeit. Ausserdem werfen neue Technologieanwendungen oftmals rechtliche Fragen auf. Insbesondere Urheberrecht und Datenschutz spielen in der digitalen Welt eine entscheidende Rolle, wie die aktuellen Revisionen der entsprechenden beiden Gesetze aufzeigen, die prim\u00e4r wegen der digitalen Transformation angepasst werden mussten. Immer wichtiger werden des Weiteren die ethisch sinnvollen sowie die fragw\u00fcrdigen Einsatzgebiete von KI. Wie oben erw\u00e4hnt, k\u00f6nnen intelligente Lerntools f\u00f6rderlich f\u00fcr die Wissensvermittlung sein. Gleichzeitig erlauben KI-Methoden wie beispielsweise Gesichtserkennung <\/a>und Deepfake<\/a> auch moralisch \u00e4usserst problematische Anwendungen.<\/p>\n
Insgesamt ist die Betrachtung der Digitalisierung ein spannendes Thema f\u00fcr die Schulen, sie ist sowohl Herausforderung als auch Chance. Einerseits m\u00fcssen sich die Lehrpersonen weiterbilden und neue Lerninhalte erarbeiten, was entsprechend aufw\u00e4ndig und f\u00fcr das Schulbudget teuer ist. Andererseits bietet dieses neue Fachgebiet auch die M\u00f6glichkeit, als \u00f6ffentliche Schule wichtig Grundwerte zu vermitteln und zukunftsweisende F\u00e4higkeiten zu unterrichten, was die Rolle der Schule in der Gesellschaft st\u00e4rkt.<\/p>\n
Beim dritten Wirkungsfeld handelt es sich um die gesellschaftliche Rolle der Schulen, diese leitet sich aus einer \u00fcbergeordneten Perspektive ab. Denn der Bildungsbereich nutzt nicht nur die Tools der Digitalisierung und vermittelt nicht bloss die fachlichen Inhalte rund um Informatikthemen, sondern hat auch eine aktive, normative Funktion innerhalb der Gesellschaft inne. So gestaltet der Bildungssektor den Umgang mit Wissen, bestimmt, wie dieses geschaffen wird und ob dieses Wissen geteilt oder geheim gehalten wird. Schulen haben damit auch eine Vorbildfunktion und pr\u00e4gen die kommenden Generationen, wie sie mit dem digitalen Wissen umgehen werden. In diesem Zusammenhang beschreibt das Konzept der digitalen Nachhaltigkeit, wie das Potenzial der Digitalisierung noch st\u00e4rker im Sinne der Gesellschaft genutzt werden kann und negative Seiten reduziert werden k\u00f6nnen. Ausgehend von der Problematik, dass der digitale Raum immer mehr privatisiert und, wie oben erl\u00e4utert, von grossen IT-Konzernen kontrolliert wird, will die digitale Nachhaltigkeit den langfristigen, freien Zugang zu digitalem Wissen f\u00fcr heute und morgen sicherstellen.<\/p>\n
So erm\u00f6glicht beispielsweise die Wikimedia-Foundation das kollektive Erarbeiten von Inhalten, indem sie unter anderem Wikipedia betreibt und laufend weiterentwickelt. Dabei k\u00f6nnen Schulen diese internationale, ehrenamtlich t\u00e4tige Wissensvernetzung unterst\u00fctzen, indem sie nicht nur deren Beitr\u00e4ge f\u00fcr den Unterricht nutzen, sondern die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auch anlernen, selber neue Artikel zu verfassen und bestehende zu erg\u00e4nzen oder zu korrigieren. Dies sch\u00e4rft das Verst\u00e4ndnis der Jungen, wie diese globale Bewegung funktioniert und zeigt deren Chancen und Risiken hautnah.
Das Prinzip der digitalen Nachhaltigkeit kann auch im Geografieunterricht angewendet werden, wenn mit der weltweiten Open-Geodaten-Plattform OpenStreetMap<\/a> gearbeitet wird. So haben engagierte Lehrpersonen die Website OpenSchoolMaps.ch<\/a> aufgebaut, auf der eine Vielzahl von Lehrmaterialien ver\u00f6ffentlicht sind, mit denen die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ihren Lebensraum erkunden und so besser verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n
Diese Beispiele zeigen, wie Schulen bewusst den nichtkommerzialisierten Teil des Internets im Unterricht integrieren und so einen Beitrag zur digitalen Nachhaltigkeit leisten k\u00f6nnen. Damit erm\u00f6glichen sie einerseits den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, wie im Handarbeiten und Werken zu lernen, selbst sch\u00f6pferisch im digitalen Raum zu werden. Dies sch\u00e4rft das Bewusstsein f\u00fcr mehr digitale Souver\u00e4nit\u00e4t und bef\u00e4higt sie gleichzeitig, den Cyberspace von morgen mitzugestalten. Andererseits tr\u00e4gt die Erarbeitung, Freigabe und Nutzung von freien Unterrichtsmaterialien (Open Educational Resources) bei den Lehrpersonen bei, das zivilgesellschaftliche Kreativpotenzial auszusch\u00f6pfen und gleichzeitig k\u00fcnftige Generationen f\u00fcr gesellschaftlich sinnvolle Aspekte der digitalen Transformation zu sensibilisieren.<\/p>\n